„Das weiß nur die Sabine.“ Der Bus-Faktor.
Wie viele Leute müssten ausfallen, bis ein Ablauf bei dir stillsteht? In den meisten Betrieben lautet die Antwort: einer.
Es gibt in fast jedem Betrieb einen Satz, der wie eine Auskunft klingt und in Wahrheit eine Warnung ist: „Das weiß nur die Sabine.“
Der Ablauf existiert. Er funktioniert sogar gut. Nur existiert er an genau einer Stelle — in einem Kopf.
Der Begriff
Softwareentwickler nennen das den Bus-Faktor: Wie viele Personen müssten ausfallen, bis ein Ablauf stillsteht, weil niemand mehr weiß, wie er geht? Der Begriff läuft auch als Truck-Faktor oder Lotto-Faktor — die freundlichere Variante, bei der jemand im Lotto gewinnt und am Montag nicht mehr erscheint.
Ein hoher Bus-Faktor ist angenehm: Das Wissen ist verteilt und aufgeschrieben. Der Wert 1 ist die Stelle, an der es eng wird. Eine Person fällt aus — Krankheit, Urlaub, Kündigung — und der Ablauf steht.
Es geht dabei nicht um Vertrauen. Sabine macht ihre Arbeit gut, deshalb macht sie ja auch alle. Es geht darum, dass Wissen, das nur mündlich existiert, nicht übergeben werden kann, wenn es darauf ankommt.
Warum Software das nicht löst
Der verbreitete Reflex ist ein Werkzeug: Wir führen etwas ein, dann steht es da drin. Das stimmt nur, wenn vorher jemand den Ablauf aufgeschrieben hat. Wenn nicht, passiert etwas anderes — das Kopfwissen wandert in eine Konfiguration, die auch wieder nur eine Person versteht. Der Bus-Faktor bleibt bei 1, er ist nur schwerer zu erkennen.
Software macht einen ungeklärten Ablauf nicht klarer. Sie macht ihn unsichtbarer.
Die Prüfung, die eine halbe Stunde dauert
Nimm deine drei wichtigsten Abläufe. Bei einem Dienstleister sind das oft: Anfrage bis Angebot, Leistung bis Rechnung, Monatsabschluss. Für jeden stellst du zwei Fragen:
- Ist er aufgeschrieben — so, dass jemand ihn ohne Rückfrage ausführen kann?
- Beherrschen ihn mindestens zwei Personen?
Die Antworten sind meistens schnell da, und sie sind meistens unbequem. Das ist in Ordnung. Der Zielwert ist bescheiden: mindestens zwei Personen pro Kernprozess, und eine Beschreibung, die eine Vertretung durch den Tag trägt.
Woran du die Stellen erkennst
Drei Signale sind verlässlich:
- Rückfragen, die immer an dieselbe Person gehen. Nicht wegen der Entscheidung, sondern wegen der Information.
- Urlaube, die verschoben werden. Wenn eine Abwesenheit den Monatsabschluss verschiebt, hängt der Abschluss an einer Person, nicht an einem Ablauf.
- Notizen als Gedächtnisstütze. Der Zettel unter der Tastatur, die Anmerkungsspalte in der Tabelle, der Ordner auf einem einzelnen Schreibtisch. Das sind Auslagerungen aus einem Kopf, die niemand sonst lesen kann.
Dass diese Notizen so verbreitet sind, hat einen einfachen Grund: Die Arbeit läuft an vielen Stellen noch auf Papier. Der Bitkom Digital Office Index 2024 hat bei über 1.100 Unternehmen ab 20 Beschäftigten erhoben, dass 58 Prozent mindestens die Hälfte ihrer Büro- und Verwaltungsprozesse auf Papier bearbeiten. Papier trägt keine Zuständigkeit und keine Historie mit sich — das muss jemand im Kopf behalten.
Der günstigste Schritt
Der Weg aus dem Bus-Faktor 1 kostet kein Budget, sondern Aufmerksamkeit. Setz dich mit der Person zusammen, die einen Ablauf allein trägt, und lass sie ihn einmal erzählen, während du mitschreibst. Eine Seite reicht. Danach führt eine zweite Person den Ablauf einmal nach dieser Seite aus — jede Stelle, an der sie nachfragen muss, gehört ergänzt.
Zwei Durchläufe, und der Faktor steht bei 2. Alles Weitere — wer was ändern darf, was wann passiert ist, welche Regel galt — trägt danach ein System wie yourBeez OS, das die Abläufe kennt, statt sie zu verwalten.
Quellen
- Avelino, Passos, Hora, Valente: „A Novel Approach for Estimating Truck Factors“, ICPC 2016 (Bus- bzw. Truck-Faktor als Maß dafür, wie viele Personen ein Vorhaben tragen). https://arxiv.org/abs/1604.06766
- Bitkom, Digital Office Index 2024, Pressemitteilung vom 24.09.2024 (über 1.100 Unternehmen ab 20 Beschäftigten; 58 % bearbeiten mindestens die Hälfte der Büro- und Verwaltungsprozesse auf Papier). https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/4-von-10-Unternehmen-arbeiten-papierlos